Schöner Schein

Künstler sind immer auf der Suche nach der Wahrheit. „Was steckt dahinter?“ fragen sie und viele methodisch und begrifflich geschulte Fachleute. Von ihnen erfahren wir etwas über das Wesen der Dinge, z. B. über den Raum: „Raum ist in uns, um uns, ist überall.“ „Es gibt den geistigen Raum, den künstlerischen Raum, den kosmischen Raum, den physikalisch-technischen Raum, den Farbraum, etc., etc..“ Die Plastik steht im Raum. Sie ist aber auch Raum, ist Volumen, Körper, Ort, Masse, hat Umriss und Oberfläche. Wir erfahren sogar, daß manche Skulpturen schon im Material angelegt sind, quasi darauf warten, vom Künstler befreit und „in ihr eigenes Sein“ gesetzt zu werden. Skulpturen sind selbstverständlich autonom! Natürlich stehen manche Kunstwerke auch nur im Dienste der Oberfläche, d. h. ungeachtet des Substanzverlustes zeigen sie „glatte Fassade“, prahlen mit „edlen Materialien“ und sind lediglich auf „schönen Schein“ hin angelegt.

Zum bisher Gesagten: Sind es nicht die bekannten Worthülsen, die eingefahrenen Wege der Annäherung, die verkrampfte Suche nach einem Kern, einem tieferen Sinn im Objekt unserer Betrachtung, die uns so blind, hilf- und gefühllos machen? Sind es nicht die leicht erlernbaren Zugriffsmethoden, die uns vorgaukeln, etwas zu verstehen. Mit dieser Grundausstattung versehen, gehen wir in eine Ausstellung und kommen erleuchtet wieder heraus. Zuhause merken wir, betrogen worden zu sein. Es gab gar nichts zu finden. Alles war nur ein Produkt unserer Einbildung – sozusagen die falsche Veranstaltung. Ein schneller Blick hätte genügt!

Goethe: „Es ist nicht immer nötig, daß das Wahre sich verkörpere; schon genug, wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt, wenn es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wogt“.

Bodo Buhl
Katalog: Magia Naturalis
1992