Katalog Orangerie München
Regelverstoss

Deine Ausstellung in der Orangerie kombiniert eine Serie Photobilder mit vier Skulpturen. Ähnliche Konstellationen hat es in Deinem Werk schon früher gegeben. Weshalb diese Verbindung?

An der frühen Photoserie mit den Business-Typen, die freundlich in die Kamera lächeln, obwohl Ihnen das Lächeln oft zur Grimasse erstarrt, reizte mich z. B. weniger der kritische als der außerkünstlerische Aspekt. Das Moment der Manipulation etwa, womit diese harten Burschen ganz bewußt bestimmte Posen des Sinnenden, Überlegenden einnehmen. Die Photos suggerieren manchmal eine Behauptung mit solch gekonnter Verlogenheit, daß sie letztlich ehrlicher wirken als viele Kunstwerke. Photos und Skulpturen verband ein Ver-rückt-sein. Die Skulpturen hatten etwas Überzogenes, sowohl in der materialen wie der farblichen Gestaltung. Jede war eine Gradwanderung.

Die Skulpturen behielten aber, trotz ihres Ver-rückt-seins, etwas Ästhetisierendes, das allmählich dominierte.

Sie bekamen gerade wegen der Über-Ästhetisierung eine fast aggressive Seite, die extreme Reaktionen der Zustimmung und Ablehnung hervorriefen. Zwischendurch wurden sie zu schön, nur noch ästhetisch strenge Form.

Also l’art pour l’art?

Ja, vielleicht. Aber im Grunde wollte ich lange Zeit beides machen, elegante, kunstgemäße Arbeiten im klassischen Sinn, wie die Säule oder den Edelstahlkubus und deutlich von dieser Absicht abrückende Arbeiten, wie etwa die Holzschleife mit dem Titel „für unsere Freunde“. Mit Bildhauerei hat meine Arbeit genau genommen nichts zu tun. Ich habe Malerei studiert und gehe die Plastiken entsprechend an. Trotzdem beschäftigen mich spezifische Fragestellungen: Maß, Ort, Material.

Beabsichtigst Du eine Art Anti-Skulptur?

Das möchte ich nicht abstreiten. Für einen gestandenen Bildhauer waren und sind meine Skulpturen nicht so einfach anzunehmen. Vielleicht sieht er, welche Probleme mich beschäftigen. Nur wie ich damit umgehe, erscheint ihm eher respektlos.

Fühlst Du dich in dieser Hinsicht César Domela verwandt, der bestimmte Formprinzipien der 20er-Jahre-Avantgarde mit Perfektion in eine leichte Schräglage versetzte?

Was Domela beabsichtigte, weiß ich nicht, jedenfalls hörte ich seinen Namen zum ersten Mal, als ich bereits selbst etwas mit „Schräglage“ wie Du es nennst, produzierte.

Liefen die widersprüchlichen Konzeptionen einer „klassischen“ und einer etwas „schrägen“ Skulptur von Anfang an nebeneinander her?

Eine Konzeption gibt es da nicht, vielmehr eine gleichzeitige Sympathie sowohl für das Klare, Sachliche, Faktische als auch für das Überzogene – bis zum Regelverstoß. Dieser Verstoß ist schon fast ein Bedürfnis, wie ein Automatismus. Außerdem: Früher entwickelte ich meine Arbeiten viel naiver. Jetzt ist der jeweilige Ansatz präziser auf den Punkt gebracht. Das Formenrepertoire wurde einfacher und die Skulpturen sind nicht mehr so „geschwätzig“. Sie sprechen von sich selbst, ihrem Material, ihrem Ort. Trotzdem sind sie nicht hermetisch, sondern weisen über die Kunst hinaus.

Wodurch wird diese „außerkünstlerische Aura hervorgerufen?

Schau Dir die dunkelbraune glatte Plexiglas-Stele auf dem weißen Rauhputzsockel an. Oben eine sachliche Rechteckform, unten, leicht frivol, die Struktur des Putzes, der an eine Wand im Wohnbereich erinnert. Oder die Arbeit mit den drei weißopaken Kunststoffkugeln auf dunkelblau eloxierten Röhren. Sie hat nicht die Härte eines Gebrauchsgegenstandes, und doch könnte man vom Bau her an eine Lampe denken.

Die Gebrochenheit Deiner Skulpturen hat sich bisher über das Material, die Formgestalt und über Anspielungen auf ein außerkünstlerisches Bezugsfeld mitgeteilt. Jetzt verändert sich auch der Umgang mit den Volumina. Besonders bei der hängenden Arbeit mit den PVC-Stäben an langen Ketten scheint ein freieres Element ins Spiel zu kommen.

Der absolute, manchmal fast zwanghafte Wille zur Beherrschbarkeit der einzelnen Elemente ist einer Gelassenheit gewichen. Eine allein gültige und nicht anders denkbare Sicht und Zuordnung von Dingen (auch im allgemeinsten Sinne) ist mir zu apodiktisch. So wie absolute Freiheit der Entscheidung eine Fiktion ist. Im Loslassen kommen die Absichten oft sogar noch klarer zum Vorschein.

Laß uns noch einmal auf die Anfangsfrage zurückkommen. Nach welchen Kriterien bringst Du heute Skulpturen und Photoarbeiten zusammen?

Auf einzelnen Photos sieht man Objekte und Gebrauchsgegenstände, die durchaus eine meiner Skulpturen sein könnten. Allerdings enthalten die Photoarbeiten auch Aspekte, etwa den schon erwähnten der Manipulation, welche die Skulpturen nicht so vermitteln können.

Photo und Skulpturen verbindet ein Moment der Nicht-Eindeutigkeit, etwas Zwitterhaftes, Kategorien in Frage Stellendes. Willst Du das auch mit der Rasterung der extrem harten Filmabzüge erreichen? Sie unterstreicht einerseits die Übernahme von einer Medienvorlage, andererseits entsteht fast die Wirkung von Siebdruck.

Natürlich liegt mir an diesem Doppeleffekt, aber nicht ausschließlich. Formale Qualitäten, etwa eine Schwärze, die abrupt zur Helligkeit hin abbricht, sind mir mindestens ebenso wichtig. Hinzu kommt, daß ich einige Photos kolorierte, wobei mir oft die Vorlagen schon Farben, die mich interessierten, geliefert haben.

Es ist eine eigenartige, latent-ironische Farbgebung. War sie vorgegeben?

In diesem Maße nicht. Ich habe sie wegen der völlig abwegigen Ästhetik noch betont. Diese Übersteigerung ist nur ein Punkt des Interesses. Der andere ist das Miteinander von Schwarzweiß und Farbe, die oft nur als Einsprengsel erscheint. Wie bei den Skulpturen, so geben auch in der Struktur des Photobildes oftmals einfache formale Gründe den Ausschlag.

Zu Bildformat und Hängung: Du vergrößerst die Vorlagen nicht auf gleiches Maß, sondern hältst Dich an die Maßstäblichkeit des Fundstückes. Wegen des spürbaren Wirklichkeitsbezuges?

Die Businessmen-Serie „Wir alle wollen nur das Beste“ von 1983, von der wir bereits sprachen, war noch mittig, in linearer Anordnung gehängt. Die neuen, heterogeneren Photoarbeiten werden in einer ihnen entsprechenden, lockeren Weise angeordnet. Was den Wirklichkeitsbezug dieser Photos betrifft, so geht er weit über eine Erinnerung an die Medienvorlage hinaus. Bei einer der Vorlagen, einer Hotel-Reklame, lautet der Werbetext: „Oasis of Life“. Aufgrund der Trivialität und Ironie dieser Anpreisung, übernahm ich sie als Titel für eine gesamte Photogruppe. In dieser Gruppe geht es ebenso um formale Probleme, wie um Architektur, Geld, Macht, pseudoreligiöse Phänomene, und erneut um Manipulation.

„Oasis of Life“, sagtest Du mir einmal, käme Dir wie Deine Privatkollektion vor. Wie triffst Du die Auswahl, abgesehen von der thematischen Zuordnung Architektur, Macht, etc.? Welcher Kick muß von der Vorlage ausgehen?

Da gibt es zum Beispiel die Abbildung eines Gebäudes. Der Werbetext lautet diesmal: „Think of it as a million and a half square-foot sales tool“. Architektur wird hier nicht als ein intelligent funktionierendes, ästhetisch gut gelöstes Bauwerk betrachtet, sondern als vermietbare Fläche und Verkaufsobjekt. Diese banale, ungekünstelte Sicht, frei von jedem Geheimnis, hat mich interessiert. Die Reduktion auf rein wirtschaftliche Faktoren. Die Photos können aber auch – wie das von einem Gerät der Scientology in einem Aktenkoffer – eine völlig andere Ebene berühren.

Dieser eigenartige Gegenstand ist vom Betrachter wohl kaum zu identifizieren.

Im Unterschied zur deutlichen Aussage der Architekturphotos bleibt dieses Photo obskur. Das genügt. Es vermag – das hängt vom Betrachter ab – Spekulationen hervorrufen. In einem anderen Fall, dem Photo mit der süßlich kolorierten Flugzeugturbine und den Gänsefedern, überwiegt der Spaß an der Trivialität. Man könnte fast sagen, Obszönität, angesichts der Kombination von technischer Antriebskraft und Leichtigkeit der Federn im bonbonfarbenen Scheinwerferlicht von Rosa und Blau. Mir liegt, wie die Beispiele zeigen, an den verschiedenen Sichtweisen: sachlich oder überspitzt, geheimnisvoll, ironisch, frech. Insofern gibt es jedes Photo nur einmal, auch wenn sich die Haltungen einige Male tangieren. Die Vielfalt der Perspektiven beschreibt keine Suche nach hybriden, sondern nach starken Bildern. Ich habe mir damit einen gedanklichen und anschaulichen Kosmos erarbeitet, in dem mehr oder minder alles steckt, was mich im Kunst- und Antikunstzusammenhang, in meiner Haltung zur Kunst und Künstlichkeit, berührt.

Ein Gespräch zwischen Bodo Buhl und Ingrid Rein
Katalog Orangerie München
1992